Nina ist 29, fest angestellt, hat eine Berufsunfähigkeitsversicherung, eine Liquiditätsreserve von sechs Monatsausgaben und investiert seit Jahren monatlich in einen breit gestreuten ETF-Sparplan, größtenteils in Aktien. Für sie ist das genau richtig.
Alberto ist 24, arbeitet als selbstständiger Grafikdesigner, hat schwankende Monatseinnahmen zwischen 1.400 und 3.200 Euro, noch keine Berufsunfähigkeitsversicherung und kaum Rücklagen. Würde er Ninas Strategie eins zu eins übernehmen, also sein gesamtes verfügbares Geld in einen Aktien-ETF stecken, könnte ihn das in eine ernsthafte Notlage bringen.
Das ist der Kern dieses Artikels: Es gibt keine Standardlösung für die Altersvorsorge. Was für die eine Person genau richtig ist, kann für eine andere Person mit ähnlichem Alter, aber anderer Lebenssituation, fahrlässig sein.
Risikofähigkeit und Risikobereitschaft: Zwei verschiedene Dinge
In der Finanzberatung wird oft zwischen zwei Begriffen unterschieden, die im Alltag häufig verwechselt werden.
Risikobereitschaft beschreibt, wie viel Schwankung Sie psychologisch aushalten können und wollen. Manche Menschen bleiben bei einem Kursrückgang von 30 Prozent entspannt, andere verkaufen aus Panik, sobald das Depot ins Minus rutscht.
Risikofähigkeit beschreibt dagegen, wie viel Schwankung Ihre finanzielle Situation objektiv verträgt. Sie hängt von Einkommen, Rücklagen, Schulden, Absicherung und familiärer Verpflichtung ab, nicht von Ihrer Persönlichkeit.
Die beiden Faktoren fallen häufig auseinander. Jemand kann sich sehr risikobereit fühlen und trotzdem, objektiv betrachtet, kaum Risikofähigkeit besitzen. Genau das ist bei Alberto der Fall. Er ist jung, offen für Schwankungen und grundsätzlich bereit, langfristig zu investieren. Seine finanzielle Situation, ohne Liquiditätsreserve und mit schwankendem Einkommen, gibt das aber aktuell nicht her.
Was bei einem Kurseinbruch wirklich passiert
Um zu verstehen, warum das wichtig ist, hilft ein Blick auf reale Zahlen. Der MSCI World, einer der am breitesten gestreuten Aktienindizes der Welt, verlor während der Finanzkrise 2007 bis 2009 rund 54 Prozent seines Höchststands. Im Corona-Crash im Frühjahr 2020 waren es innerhalb weniger Wochen rund 30 bis 34 Prozent.
Für Nina ist das kein Problem. Sie muss das Geld nicht anfassen, ihr Job ist sicher, ihre Liquiditätsreserve deckt Notfälle ab, und sie kann den Einbruch einfach aussitzen. Historisch haben sich breit gestreute Aktienmärkte nach solchen Einbrüchen über Jahre wieder erholt.
Für Alberto sähe das anders aus. Bricht in einer Krise gleichzeitig seine Auftragslage ein, weil Kunden in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zuerst bei Marketing und Design sparen, könnte er gezwungen sein, genau dann Anteile zu verkaufen, wenn die Kurse am tiefsten stehen. Das ist der Moment, in dem aus einem theoretischen Risiko ein realer Verlust wird, nicht weil die Anlage schlecht war, sondern weil die Ausgangslage nicht dazu passte.
Das Prinzip: Wer breiter streut, rutscht weniger aus
Diversifikation wird meistens nur auf eine Ebene bezogen, nämlich die Streuung innerhalb einer Geldanlage. Ein MSCI-World-ETF investiert bereits in über 1.500 Unternehmen aus 23 Ländern, das ist eine sinnvolle erste Ebene der Streuung.
Aber Streuung sollte auf mehreren Ebenen gedacht werden:
- Streuung innerhalb der Anlage. Nicht nur ein Sektor, nicht nur eine Region, nicht nur eine Anlageklasse. Wer zusätzlich zu Aktien auch Anleihen oder andere weniger schwankungsanfällige Bausteine hält, glättet die Entwicklung des Gesamtdepots.
- Streuung über die Bausteine der Altersvorsorge. Gesetzliche Rente, betriebliche Altersvorsorge, private Anlage, gegebenenfalls Immobilienbesitz: Wer nicht alles auf eine einzige Säule setzt, ist widerstandsfähiger gegenüber Veränderungen in einem einzelnen Bereich.
- Streuung über die Zeit. Wer monatlich einen festen Betrag investiert statt einmalig eine große Summe, kauft automatisch mal teurer und mal günstiger ein. Dieser sogenannte Durchschnittskosteneffekt reduziert das Risiko, genau zum ungünstigsten Zeitpunkt eingestiegen zu sein.
Für Alberto bedeutet das: Bevor er breit in Aktien streut, muss er zuerst innerhalb seiner gesamten finanziellen Situation streuen, also nicht sein gesamtes verfügbares Geld in eine einzige, schwankungsanfällige Anlageform stecken, solange die restliche Absicherung fehlt.
Das Fundament kommt vor dem Depot
Bevor überhaupt über die Aktienquote gesprochen wird, muss ein Fundament stehen. Das gilt unabhängig vom Alter.
Liquiditätsreserve. Drei bis sechs Monatsausgaben auf einem jederzeit verfügbaren Konto, nicht investiert, nicht angelegt. Diese Reserve verhindert, dass ein Depot in einem persönlichen Engpass zur Notkasse wird.
Existenzielle Risiken absichern. Wie in unserem Artikel zum Thema Über- und Unterversicherung beschrieben, gehören Berufsunfähigkeit, Haftpflicht und, falls Angehörige vom eigenen Einkommen abhängen, eine Risikolebensversicherung an die erste Stelle. Gerade für Selbstständige wie Alberto, die keinen Arbeitgeber im Rücken haben, ist das kein optionaler Punkt.
Erst danach: Vermögensaufbau. Wer diese beiden Punkte abgedeckt hat, kann sich der eigentlichen Anlagestrategie widmen, und dort mit der Aktienquote arbeiten, die zur individuellen Risikofähigkeit passt.
Bei Nina stehen alle drei Bausteine bereits. Deshalb kann ihr Depot nahezu vollständig auf Wachstum ausgerichtet sein. Bei Alberto fehlen die ersten beiden noch. Seine Priorität liegt also woanders, auch wenn er genauso jung und theoretisch genauso lange am Kapitalmarkt investiert sein könnte wie Nina.
Was Alberto stattdessen tun sollte
Das heißt nicht, dass Alberto gar nicht investieren sollte. Es heißt, dass seine Reihenfolge anders aussieht.
Schritt 1: Kleine Liquiditätsreserve aufbauen. Auch ein kleiner Betrag, der bei schwankenden Einnahmen als Puffer dient, reduziert den Druck, im Ernstfall Investments antasten zu müssen.
Schritt 2: Berufsunfähigkeit absichern. Als Selbstständiger hat Alberto keinen Anspruch auf Lohnfortzahlung und ein deutlich höheres Risiko, ohne Absicherung dazustehen, wenn er gesundheitlich ausfällt.
Schritt 3: Klein anfangen, aber anfangen. Auch mit kleineren, unregelmäßigen Beträgen kann ein ETF-Sparplan sinnvoll sein, solange er so dimensioniert ist, dass Alberto ihn in einem schlechten Monat auch mal pausieren kann, ohne in Bedrängnis zu geraten. Viele Sparpläne lassen sich flexibel anpassen oder aussetzen, das sollte bei der Wahl des Anbieters berücksichtigt werden.
Schritt 4: Mit wachsender Stabilität die Strategie anpassen. Sobald Alberto eine größere Liquiditätsreserve und eine BU-Absicherung hat, kann er seine Sparquote und Aktienquote schrittweise erhöhen, ähnlich wie es bei Nina heute bereits der Fall ist.
Ein einfacher Selbstcheck
Bevor Sie Ihre eigene Strategie festlegen oder ändern, helfen diese Fragen bei der Einordnung:
- Wie sicher ist mein Einkommen, und wie stark schwankt es von Monat zu Monat?
- Habe ich eine Liquiditätsreserve, die mehrere Monate ohne Einnahmen überbrücken kann?
- Sind existenzielle Risiken wie Berufsunfähigkeit oder der Ausfall meines Einkommens für Angehörige abgesichert?
- Habe ich laufende Schulden, die bei einem Wertverlust meiner Anlage zum Problem werden könnten?
- Wie würde ich mich fühlen, wenn mein Depot innerhalb weniger Monate 30 Prozent an Wert verliert, und könnte ich es trotzdem halten?
Wer die ersten vier Fragen positiv beantworten kann, hat in der Regel eine hohe Risikofähigkeit und kann eine wachstumsorientierte Strategie fahren. Wer bei den ersten Fragen zögert, sollte zuerst dort ansetzen, unabhängig vom Alter.
Kein Grund zur Entmutigung
Wichtig ist: Diese Unterschiede sind kein Grund, den Vermögensaufbau aufzuschieben. Sie sind ein Grund, ihn in der richtigen Reihenfolge anzugehen. Alberto muss nicht warten, bis er finanziell in Ninas Situation ist, um mit der Altersvorsorge zu beginnen. Er muss nur seine eigene Reihenfolge finden, die zu seiner Situation passt, statt eine fremde Strategie zu kopieren, die für andere Voraussetzungen entwickelt wurde.
Genau das ist der Unterschied zwischen einem pauschalen Tipp aus dem Internet und einer durchdachten persönlichen Strategie. Altersvorsorge ist kein Produkt, das man einfach abschließt. Sie ist ein Plan, der zur eigenen Lebenssituation passt und sich mit ihr weiterentwickelt.
Was Sie jetzt tun können
Gehen Sie die fünf Fragen von oben ehrlich für sich durch. Wenn Sie bei den ersten Punkten noch Lücken sehen, ist das kein Rückschlag, sondern eine klare Reihenfolge, an der Sie arbeiten können.
Wenn Sie wissen möchten, wie Ihre persönliche Risikofähigkeit aussieht und welche Streuung (über Anlageklassen, Vorsorgebausteine und Zeit) für Sie sinnvoll ist, sprechen Sie uns an. Wir schauen uns Ihre gesamte Situation an, nicht nur eine einzelne Anlageentscheidung.
Quellen: extraETF – Maximum Drawdown verständlich erklärt; Gerd Kommer – Welt-Aktienmarkt: Warum er jede Krise übersteht; finanzwissen.de – Maximum Drawdown: Bedeutung und Berechnung; Verbraucherzentrale – Liquiditätsreserve und Notgroschen; Deutsches Institut für Altersvorsorge – Risikoprofilierung in der Anlageberatung. Stand: August 2026.



