Es gibt Finanzprodukte, die klingen gut, sehen gut aus und werden von gut gekleideten Menschen überzeugend präsentiert. Private Rentenversicherungen gehören dazu. Das Problem: Was drin ist, hält selten, was draufsteht.
Der Bund der Versicherten, eine der ältesten Verbraucherschutzorganisationen Deutschlands, hat Lebens- und Rentenversicherungen zur Altersvorsorge bereits in den 1980er-Jahren als „legalen Betrug" bezeichnet. Die Versicherungsbranche klagte auf Unterlassung. Das Landgericht Hamburg wies die Klage ab. Die Aussage, so das Gericht, sei von der Meinungsfreiheit gedeckt.
Vierzig Jahre später ist die Kritik nicht leiser geworden. Dieser Artikel erklärt, warum.
Was eine private Rentenversicherung eigentlich ist
Eine private Rentenversicherung ist im Kern ein Sparvertrag, verpackt in einen Versicherungsmantel. Sie zahlen regelmäßig Beiträge ein, das Geld wird angelegt, und ab einem vereinbarten Zeitpunkt bekommen Sie eine monatliche Rente.
So weit, so verständlich. Das Problem liegt nicht in der Idee, sondern in den Kosten, die zwischen Ihrer Einzahlung und Ihrer späteren Auszahlung entstehen. Und die sind häufig erheblich.
Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein, früherer Vorstandssprecher des Bundes der Versicherten, hat den „Maschinenraum" der Versicherer öffentlich beschrieben: Provisionen von 5 bis 6 Prozent der gesamten Beitragssumme sind keine Ausnahme. Bei einem Vertrag über 30 Jahre und 200 Euro monatlichem Beitrag bedeutet das eine Provision von über 4.000 Euro, die in den ersten Jahren vom eingezahlten Kapital abgezogen wird. Noch bevor ein einziger Euro für Sie arbeitet.
Die Kostenfalle: Was wirklich von Ihrem Geld übrig bleibt
Provisionen sind nur ein Teil der Kosten. Hinzu kommen:
- Abschlusskosten: Einmalig fällig bei Vertragsabschluss, oft verteilt auf die ersten fünf Jahre. Sie werden direkt von Ihren Beiträgen abgezogen.
- Verwaltungskosten: Laufende Gebühren für die Vertragsverwaltung, jährlich, über die gesamte Laufzeit.
- Fondskosten: Bei fondsgebundenen Rentenversicherungen kommen zusätzlich die Kosten der enthaltenen Fonds obendrauf, oft 1,5 bis 2,5 Prozent jährlich auf das angelegte Kapital.
- Sterblichkeitsgewinne: Das ist der Teil, über den kaum jemand spricht. Versicherer kalkulieren bei der Auszahlung mit einer besonders hohen Lebenserwartung. Wer früher stirbt, als kalkuliert, hinterlässt dem Versicherer einen sogenannten Sterblichkeitsgewinn. Kleinlein formuliert es direkt: Die Versicherer gewinnen am Tod ihrer Kunden.
Was das in Summe bedeutet: Ein nicht unerheblicher Teil Ihrer Einzahlungen fließt nicht in Ihre Altersvorsorge, sondern in den Apparat drumherum.
Der Steuervorteil: Real, aber überbewertet
Das Standardargument für private Rentenversicherungen ist der Steuervorteil. In der Ansparphase werden die Erträge nicht besteuert. Bei Auszahlung als lebenslange Rente wird nur ein geringer Ertragsanteil versteuert.
Das stimmt. Aber der Steuervorteil löst das Kostenproblem nicht, er überdeckt es nur. Wer einen günstigen ETF-Sparplan führt und die Erträge mit 25 Prozent Abgeltungssteuer versteuert, kann trotzdem besser dastehen als jemand, dessen Rentenversicherung jährlich 2 bis 3 Prozent Kosten produziert.
Rechnen Sie es durch: Ein Kostenvorteil von 1,5 Prozent pro Jahr über 30 Jahre ist, dank Zinseszins, ein massiver Unterschied im Endvermögen. Steuern optimieren ist sinnvoll. Aber wer dafür dauerhaft hohe Kosten in Kauf nimmt, zahlt die Steuerersparnis oft mehrfach zurück.
Keine Inflationsbereinigung: Ihr Geld wird weniger wert
Ein weiteres Problem, das selten offen kommuniziert wird: Die meisten privaten Rentenversicherungen bieten keine echte Inflationsanpassung.
Sie zahlen heute 200 Euro ein. In 30 Jahren bekommen Sie eine Rente, die in Euro nominell gleich aussieht wie vereinbart. Aber was diese Euro dann noch kaufen, hängt von der Inflation ab. Bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von 2,5 Prozent jährlich verliert ein fester Rentenbetrag über 20 Jahre Rentenbezug rund 40 Prozent seiner Kaufkraft.
Eine Rente von 500 Euro monatlich klingt heute solide. In 20 Jahren entspricht sie kaufkraftbereinigt eher 300 Euro. Das ist kein Randproblem. Es ist ein strukturelles Problem dieser Produktgattung.
Zum Vergleich: Die gesetzliche Rente wird jährlich an die Lohnentwicklung angepasst. Sie ist historisch nie gefallen und hat die Inflation langfristig ausgeglichen. Der Versicherungsmantel bietet diesen Mechanismus in der Regel nicht.
Was das bedeutet: Erst absichern, dann aufbauen
Hier kommt der entscheidende Punkt für Ihre Finanzplanung.
Versicherungen haben eine klare Aufgabe: Sie sollen existenzgefährdende Risiken absichern. Risiken, die Sie finanziell nicht alleine tragen können und bei denen ein Schadensfall Ihr Leben dauerhaft aus der Bahn werfen würde.
Dazu gehören:
- Berufsunfähigkeit: Sie können nicht mehr arbeiten und verlieren Ihr Einkommen.
- Schwere Krankheit oder Pflegebedürftigkeit: Die Kosten übersteigen Ihre finanzielle Kapazität.
- Frühzeitiger Tod: Ihre Familie verliert den Hauptverdiener.
- Haftpflichtschäden: Ein Fehler kostet Sie potenziell alles.
Diese Risiken absichern, das ist der Job einer Versicherung. Und dabei ist der Versicherungsmantel sinnvoll, weil er genau für diesen Zweck gebaut ist.
Altersvorsorge hingegen ist Vermögensaufbau. Und Vermögensaufbau funktioniert am besten mit niedrigen Kosten, breiter Streuung und langem Anlagehorizont. Ein günstiger ETF-Sparplan auf einen breiten Weltindex kostet jährlich 0,1 bis 0,2 Prozent. Eine Fondspolice im Versicherungsmantel das Zehnfache oder mehr.
Den Steuervorteil mitnehmen und gleichzeitig die Kosten minimieren geht. Aber nicht mit einem klassischen Versicherungsprodukt.
Ein Rechenbeispiel: Was der Kostenunterschied über 30 Jahre bedeutet
Sarah, 30, möchte 200 Euro monatlich für die Altersvorsorge zurücklegen. Sie hat zwei Optionen.
Option A: Fondsgebundene Rentenversicherung. Gesamtkosten (Abschluss, Verwaltung, Fonds) im Schnitt 2,5 Prozent jährlich. Angenommene Rendite des Fonds vor Kosten: 6 Prozent. Effektive Rendite nach Kosten: 3,5 Prozent.
Option B: ETF-Sparplan. Gesamtkosten 0,2 Prozent jährlich. Angenommene Rendite: 6 Prozent. Effektive Rendite nach Kosten: 5,8 Prozent.
Nach 30 Jahren:
- Option A: rund 118.000 Euro
- Option B: rund 167.000 Euro
Der Unterschied beträgt fast 50.000 Euro, allein durch den Kostenunterschied, bei identischer Marktrendite. Das ist kein Peanuts. Das ist ein erheblicher Teil der Altersvorsorge.
Die Immobilie als Altersvorsorge: Sachwert statt Versprechen
Eine Alternative, die viele Deutsche intuitiv bevorzugen, ist die Immobilie. Und das aus gutem Grund. Im Gegensatz zu einer Rentenversicherung bekommen Sie einen Sachwert, der anfassbar ist, der sich mit der Inflation in der Regel mitentwickelt und der Ihnen entweder Mieteinnahmen oder mietfreies Wohnen im Alter ermöglicht.
Mietfreies Wohnen im Alter ist dabei unterschätzt. Wer mit 67 keine Miete zahlt, braucht eine deutlich niedrigere Rente, um denselben Lebensstandard zu halten. Die abbezahlte Immobilie wirkt wie eine unsichtbare, steuerfreie Zusatzrente.
Wer eine Immobilie als Kapitalanlage kauft und vermietet, erzielt Mieteinnahmen und profitiert langfristig von der Wertentwicklung. Hinzu kommen steuerliche Vorteile: Zinsen, Abschreibungen und Instandhaltungskosten lassen sich von der Steuer absetzen. Das ist ein echter, transparenter Vorteil, kein Marketingversprechen im Kleingedruckten.
Trotzdem ist die Immobilie kein Allheilmittel. Sie bindet Kapital, ist wenig flexibel und bringt Verantwortung mit: Instandhaltung, Mietnomaden, Leerstand, steigende Zinsen bei der Anschlussfinanzierung. Wer eine Immobilie als Altersvorsorge plant, muss diese Faktoren einkalkulieren.
Was die Immobilie aber in jedem Fall besser macht als eine klassische Rentenversicherung: Sie wissen, was Sie haben. Kein Kleingedrucktes, kein Rentenfaktor, der sich im Laufe der Jahre verschlechtert, keine Provisionen, die still und leise vom Ertrag abgehen. Der Sachwert ist real.
Was tun, wenn man bereits eine Rentenversicherung hat?
Viele Menschen haben bereits eine Police abgeschlossen, oft weil ein Berater sie empfohlen hat. Was jetzt?
Kündigen ist oft keine gute Idee. In den ersten Jahren sind die Abschlusskosten noch nicht amortisiert. Der Rückkaufswert liegt häufig unter den eingezahlten Beiträgen. Eine Kündigung bedeutet in diesem Fall einen garantierten Verlust.
Beitragsfreistellung prüfen. Wer nicht mehr einzahlen möchte, kann den Vertrag oft beitragsfrei stellen. Der Vertrag läuft weiter, es fließt aber kein neues Geld rein. Neue Beiträge können dann günstiger investiert werden.
Vertrag prüfen lassen. Wann wurde abgeschlossen, wie hoch sind die tatsächlichen Kosten, was ist der garantierte Rentenfaktor? Diese Zahlen stehen im Vertrag und im jährlichen Standmitteilungsschreiben. Wer sie nicht findet oder versteht, sollte sich beraten lassen, und zwar von jemandem, der keine Provision bekommt.
Nicht noch einmal. Wenn Sie noch keinen solchen Vertrag haben, ist das die einfachste Entscheidung: Risiken versichern. Vermögen aufbauen. Getrennt.
Die Zusammenfassung in drei Sätzen
Versicherungen sind für Risiken da, die Sie nicht selbst tragen können. Altersvorsorge ist kein Risiko, das Sie versichern müssen, es ist ein Ziel, das Sie erreichen wollen. Je günstiger und transparenter der Weg dorthin, desto mehr kommt am Ende bei Ihnen an.
Was Sie jetzt tun können
Schauen Sie sich an, welche Risiken in Ihrem Leben aktuell nicht abgesichert sind. Berufsunfähigkeit, Pflege, Haftpflicht, der frühzeitige Tod als Versorger einer Familie: Das sind die Baustellen, die zuerst geschlossen werden sollten.
Für den Vermögensaufbau danach gilt: niedrige Kosten, breite Streuung, langer Atem. Ob Sie dabei steuerliche Vorteile nutzen möchten und wie, ist eine Frage, die von Ihrer individuellen Situation abhängt.
Wenn Sie wissen möchten, wie Ihre aktuelle Situation aussieht und was für Sie sinnvoll wäre, sprechen Sie uns an. Wir schauen uns das gemeinsam an, ohne Provision, ohne Standardlösung.
Quellen: Bund der Versicherten (BdV) – Pressemitteilung „40 Jahre legaler Betrug", Juni 2023; Axel Kleinlein / Prof. Dr. Hartmut Walz – Video-Interview „Legaler Betrug bei Lebensversicherungen", Juli 2024; Hartmutwalz.de – Gastbeitrag Axel Kleinlein „Legal, illegal, scheißegal", September 2021; Stiftung Warentest – Private Rentenversicherungen im Test 2025; Finanztip – ETF-Sparplan vs. Fondspolice. Stand: Juli 2026.



