Die Deutschen gelten als Versicherungsweltmeister. Im Schnitt hat jeder Haushalt sechs Versicherungsverträge und zahlt dafür mehrere tausend Euro im Jahr. Trotzdem ist ein erheblicher Teil der Bevölkerung gegen genau die Risiken, die existenzbedrohend wären, gar nicht abgesichert.
Das klingt widersprüchlich, ist es aber nicht. Es ist ein Verteilungsproblem. Viel Geld fließt in Versicherungen, die kaum jemand braucht. Zu wenig Geld fließt in die, die wirklich zählen. Dieser Artikel zeigt, woran das liegt — und wie Sie Ihren eigenen Versicherungsordner realistisch einordnen.
Die Zahlen, die das Problem sichtbar machen
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft hat gemeinsam mit dem Statistischen Bundesamt ausgewertet, wie deutsche Haushalte tatsächlich versichert sind. Das Ergebnis ist eindeutig:
- Private Haftpflichtversicherung: 83 % der Haushalte — damit die am weitesten verbreitete Police überhaupt.
- Kfz-Versicherung: 81 % — gesetzlich vorgeschrieben.
- Hausratversicherung: 76 %
- Risikolebensversicherung: nur rund 17 % — also knapp jeder sechste Haushalt.
- Berufsunfähigkeitsversicherung: nur rund 26 %
Auto und Hausrat sind also gut abgesichert. Das eigene Einkommen und die eigene Familie im Todesfall dagegen kaum. Der Chefökonom des Versicherungsverbands brachte es selbst auf den Punkt: Die Deutschen gelten als übervorsichtig und überversichert — die Statistik bestätigt das nicht. Im Gegenteil, ein erheblicher Teil der Haushalte ist gegen existenzielle Risiken schlicht nicht geschützt.
Warum die kleinen Risiken so gut versichert sind
Handyversicherung, Brillenversicherung, Reisegepäckversicherung, Unfallversicherung, Glasversicherung: Diese Policen haben eines gemeinsam. Sie decken Risiken ab, die Sie finanziell nicht ernsthaft gefährden würden. Ein kaputtes Handydisplay kostet 150 Euro. Ärgerlich, aber verkraftbar.
Trotzdem werden genau diese Policen aktiv und aggressiv verkauft — oft direkt an der Kasse oder im Checkout-Prozess beim Online-Kauf. Der Grund ist simpel: Sie sind margenstark. Die Beiträge stehen in keinem guten Verhältnis zum tatsächlichen Risiko, und genau das macht sie für Anbieter attraktiv.
Hinzu kommt ein psychologischer Effekt. Kleine, konkrete Risiken wie ein Displaybruch fühlen sich greifbarer an als abstrakte, seltene, aber schwerwiegende Risiken wie eine Berufsunfähigkeit in 15 Jahren. Menschen versichern sich gegen das, was sie sich lebhaft vorstellen können — nicht gegen das, was statistisch am meisten wehtun würde.
Warum die existenziellen Risiken so schlecht abgesichert sind
Bei Berufsunfähigkeit, Pflege oder dem Tod des Hauptverdieners ist es umgekehrt. Diese Risiken sind selten, aber wenn sie eintreten, sind die finanziellen Folgen dramatisch. Trotzdem verzichten die meisten Menschen genau hier auf Schutz.
Der Abschluss ist unbequem. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung verlangt Gesundheitsfragen, teilweise auch ärztliche Unterlagen. Das ist aufwändiger als ein Klick beim Online-Checkout und wird deshalb häufig aufgeschoben.
Die Beratung lohnt sich für viele Vermittler weniger. Komplexe, beratungsintensive Produkte wie die BU-Versicherung erfordern Zeit und Fachwissen. Einfache Zusatzversicherungen lassen sich dagegen im Vorbeigehen verkaufen. Wo weniger Beratungsaufwand nötig ist, wird auch häufiger verkauft.
Verdrängung. Niemand denkt gerne darüber nach, dass er selbst berufsunfähig werden oder früh sterben könnte. Diese Themen werden aufgeschoben — oft bis es zu spät oder zumindest teurer ist.
Das GAU-Prinzip: der richtige Maßstab für Ihre Prioritäten
Ein hilfreiches Ordnungsprinzip aus der Versicherungsberatung ist das sogenannte GAU-Prinzip, abgeleitet vom „größten anzunehmenden Unfall“. Die Grundidee: Zuerst werden die Risiken abgesichert, die Ihre wirtschaftliche Existenz bedrohen würden. Erst danach kommen Komfort- und Nice-to-have-Versicherungen. Nach diesem Prinzip ergibt sich eine klare Rangfolge:
Stufe 1 — existenzbedrohend: Private Haftpflicht, Berufsunfähigkeit, Risikolebensversicherung bei Angehörigen, die von Ihrem Einkommen abhängen, eine ausreichende Krankenversicherung sowie die Wohngebäudeversicherung bei Wohneigentum. Ein Totalschaden am Haus, etwa durch Brand oder Sturm, kann ohne Versicherung die gesamte Existenz gefährden — besonders, wenn noch ein Kredit darauf läuft.
Stufe 2 — spürbar, aber verkraftbar: Hausrat, Krankentagegeld je nach Situation, Rechtsschutz.
Stufe 3 — Komfort: Handyversicherung, Reisegepäck, Glasversicherung, Unfallversicherung als Ergänzung. Diese Kategorie ist optional und für die meisten Menschen finanziell verzichtbar.
Wer sein Budget in dieser Reihenfolge verteilt, statt nach Bauchgefühl oder Verkaufsdruck, kommt in aller Regel mit weniger Geld zu einem deutlich besseren Schutz.
Ein Beispiel aus der Praxis
Jonas, 31, den wir bereits aus einem anderen Artikel kennen, hat vor einigen Jahren mehrere Zusatzversicherungen abgeschlossen: eine Handyversicherung für 6 Euro im Monat, eine Reisegepäckversicherung für 4 Euro im Monat und eine Unfallversicherung für 18 Euro im Monat. Zusammen 28 Euro monatlich, 336 Euro im Jahr.
Eine Berufsunfähigkeitsversicherung hatte er nicht. Als sein Bandscheibenvorfall ihn für vier Monate arbeitsunfähig machte, halfen ihm weder die Handy- noch die Reisegepäckversicherung. Die Unfallversicherung hätte nur bei einem Unfall gezahlt — sein Bandscheibenvorfall entstand aber durch Verschleiß, nicht durch einen Unfall. Sie zahlte nicht.
Hätte Jonas die 28 Euro monatlich stattdessen in eine BU-Versicherung investiert, wäre er im Ernstfall finanziell abgesichert gewesen. Stattdessen zahlte er jahrelang für Risiken, die ihn nie wirklich bedroht hätten, und blieb bei dem einen Risiko, das ihn tatsächlich traf, ungeschützt.
Wie Sie Ihren eigenen Versicherungsordner prüfen
Nehmen Sie sich eine Stunde Zeit und gehen Sie systematisch vor:
Schritt 1: Alle Verträge sammeln. Was haben Sie überhaupt, und was kostet es Sie pro Monat? Die meisten Menschen können diese Frage aus dem Kopf nicht beantworten — das ist normal, aber ein erstes Warnsignal.
Schritt 2: Nach dem GAU-Prinzip sortieren. Welche Verträge gehören zu Stufe 1, welche zu Stufe 2 und 3?
Schritt 3: Lücken in Stufe 1 identifizieren. Haben Sie eine Berufsunfähigkeitsversicherung? Wenn Angehörige von Ihrem Einkommen abhängen: Gibt es eine Risikolebensversicherung? Ist die private Haftpflicht vorhanden und aktuell? Und falls Sie Wohneigentum haben: Ist das Gebäude ausreichend versichert, auch gegen Elementarschäden wie Hochwasser oder Starkregen?
Schritt 4: Stufe 3 kritisch hinterfragen. Brauchen Sie wirklich eine Handyversicherung, wenn Sie Rücklagen hätten, um ein neues Gerät im Ernstfall selbst zu bezahlen? Oft lässt sich hier Geld freisetzen, das dann in Stufe 1 investiert werden kann.
Schritt 5: Doppelte Absicherung vermeiden. Manche Risiken sind bereits über andere Verträge mitversichert. Ein Fahrraddiebstahl aus der eigenen Wohnung ist zum Beispiel häufig schon über die Hausratversicherung gedeckt — eine separate Fahrradversicherung dafür also oft überflüssig.
Kein Pauschalurteil, sondern eine individuelle Frage
Wichtig ist: Es gibt keine Versicherung, die pauschal für jeden richtig oder falsch ist. Eine Unfallversicherung kann für jemanden mit einem gefährlichen Hobby oder Beruf durchaus sinnvoll sein. Eine Reisegepäckversicherung kann sich für Vielreisende mit teurem Equipment lohnen.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob eine Versicherung generell gut oder schlecht ist. Sie lautet: Würde mich der Schaden im Ernstfall wirtschaftlich ernsthaft treffen? Wenn ja, gehört die Absicherung nach vorne. Wenn nein, ist sie Komfort, den Sie sich leisten können, aber nicht müssen.
Was Sie jetzt tun können
Schauen Sie sich Ihren Versicherungsordner in den nächsten Tagen einmal in Ruhe an. Sortieren Sie nach dem GAU-Prinzip und prüfen Sie insbesondere, ob Ihre existenziellen Risiken — also Berufsunfähigkeit, Risikoleben bei Angehörigen und Haftpflicht — tatsächlich abgedeckt sind.
Wenn Sie feststellen, dass Sie bei den kleinen Dingen gut aufgestellt sind, aber bei den großen Lücken haben, sind Sie kein Einzelfall. Sie sind damit statistisch gesehen die Regel, nicht die Ausnahme.
Wenn Sie Ihren Versicherungsordner gemeinsam durchgehen und die wirklich wichtigen Lücken schließen möchten, sprechen Sie uns an. Wir schauen uns Ihre Verträge konkret an — ohne Ihnen etwas zu verkaufen, das Sie nicht brauchen.
Quellen: GDV / Statistisches Bundesamt — Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, Auswertung Versicherungsdichte; Versicherungsbote.de — Risikolebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen in deutschen Haushalten kaum verbreitet; R+V Versicherung — Studie Berufsunfähigkeit 2023; Bund der Versicherten — Überflüssige Versicherungen; Stiftung Warentest — Versicherungscheck. Stand: Juli 2026.



